Einkommens- und Verbrauchsstichprobe

Ich habe gerade vom Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) den Fragebogen für den Mikrozensus bekommen (auf eigenen Wunsch, ich lasse mich ja nicht von einer ehrenamtlichen Erhebungsbeauftragten “interviewen”, am besten noch in meiner Wohnung …

In dem Umschlag war auch ein Werbeflyer (siehe LSKN) für die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) bekommen. Die EVS ist unter anderem Grundlage für die Arbeitslosengeld-2-Regelsätze. Aber wie wird sie ermittelt?

Den dritten Erhebungsteil der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) bildet das Haushaltsbuch, in dem die teilnehmenden Haushalte drei Monate lang (Quartalsanschreibung) alle ihre Einnahmen und Ausgaben registrieren. Dabei erfolgt eine zeitliche Gleichverteilung der Anschreibung, das heißt jeweils ein Viertel aller an der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) teilnehmenden Haushalte schreibt je ein Quartal des Berichtsjahres an.

Den abschließenden Erhebungsteil stellt das Feinaufzeichnungsheft für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren dar. Jeder fünfte an der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) beteiligte Haushalt listet dabei jeweils einen Monat lang detailliert alle Ausgaben für Speisen und Getränke nach Mengen und Preisen auf.

Hört sich nach einem ziemlichen Aufwand an. Auch die 80 €, die es dafür gibt, machen diesen Aufwand eher nicht wett. Also ziemlich blöd, wenn die einen dazu verpflichten … Aber halt:

Eine gesetzliche Verpflichtung zur Teilnahme besteht nicht, das heißt, alle Haushalte nehmen auf freiwilliger Basis an der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) teil.

Es mag ja sein, dass die Stichprobe “nach den Quotierungsmerkmalen Haushaltstyp, soziale Stellung –der Haupteinkommensperson und Haushaltsnettoeinkommen” repräsentativ ist. Sie ist aber ganz offenkundig nicht repräsentativ in Bezug auf die Bereitschaft, dermaßen genau Buch zu führen. Dieser selection bias dürfte den Durchschnitt der erfassten Ausgaben für bestimmte, vor allem für eher billige, Produkte massiv nach unten verfälschen. Und wie gesagt, diese Statistik ist Basis für die Alg2-Regelsätze …

Stand der Technik oder bleeding edge?

An der Fakultät für Informatik des KIT ist ein Vortrag zum Thema “How Do Professional Developers Comprehend Software?” angekündigt. Insgesamt möchte ich das gar nicht beurteilen, aber über einen Satz bin ich gestolpert:

Overall, our results show a gap between program comprehension research and practice as we did not observe any use of state of the art comprehension tools and developers seem to be unaware of them.

Das offenbart ein sehr merkwürdiges Verständnis des Begriffes “Stand der Technik”. Wenn niemand das einsetzt und niemand das kennt, ist es offenbar nicht Stand der Technik. Über die Gründe kann man spekulieren. Vermutlich ist das Zeugs, an dem der Vortragende vermutlich forscht und das er nun zum Stand der Technik erklären möchte, dafür einfach noch nicht ausgereift genug, und wird es möglicherweise auch nie sein. Im besten Falle könnte man es dann als bleeding edge bezeichnen, im schlechtesten Fall geht es, wie so oft bei akademischen Lösungen, an den eigentlichen Problemen in der Praxis meilenweit vorbei.

Copyright Transfer

Mein Paper “The Architecture of a Secure Business-Process-Management System in Service-Oriented Environments” wurde auf der ECOWS 2011 angenommen (dort noch unter geringfügig anderem Titel). Nette Sache, gibt eine kleine Reise nach Lugano mit zwei leckeren Abendessen und hoffentlich einigen interessanten Vorträgen.

Heute habe ich die Druckfassung hochgeladen. Weniger nette Sache, denn man liefert sich damit der Content-Mafia auf Gedeih und Verderben aus. Man wird gezwungen (publish or perish …), das “Copyright” (ein Konzept, dass es im deutschen Recht so nicht gibt, dazu unten mehr) auf die IEEE zu übertragen.

Das Ganze hat es in sich. Man überträgt all rights under copyright that may exist in and to dem Artikel und eventuellen Begleitmaterialien an die IEEE. Außerdem räumt man Nutzungsrechte am Vortrag ein und gibt eine Garantie ab, dass man die Rechte am Artikel besitzt.

Man behält sogar Rechte (wow!): Man darf Auszüge aus dem Artikel für den persönlichen Gebrauch nutzen. Außerdem gilt: “4. Although authors are permitted to re-use all or portions of the Work in other works, this does not include granting third-party requests for reprinting, republishing, or other types of re-use. The IEEE Intellectual Property Rights office must handle all such third-party requests.” Was das heißt, ist mir vollkommen schleierhaft. Darf ich das Paper nehmen, etwas auswalzen, und zu einem Kapitel in meiner Diss machen, oder darf ich das nicht? Ich glaube, das ist absichtlich so nebulös formuliert.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass dieser Vertrag nach deutschem Recht so Bestand hat. Naja, immerhin finde ich gerade keine Klausel, die eine Vergütung ausschließt. Damit gilt nach § 32 UrhG die angemessene Vergütung als vereinbart.

Ich zweifle gerade sogar daran, dass das Ding nach US-Recht, also common law, Bestand hat. Die Übertragung erfolgt bedingungslos, es fehlt also an der consideration. Damit dürfte nach common law kein Vertrag vorliegen. Der Wikipedia-Artikel geht übrigens im zweiten Abschnitt explizit auf licensing contracts ein.

Mir ist übrigens noch ein netter Hack eingefallen. Beim Abrufen des Formulars wird man gefragt, ob einer der Autoren für die US-Regierung oder ein crown government arbeitet. In dem Fall wäre die Arbeit nämlich gemeinfrei, bzw. es würde crown copyright gelten. Ich gehe, ohne es ausprobiert zu haben, davon aus, dass die IEEE in dem Fall nicht so weitreichende Forderungen stellt. Man sollte sich also einen Angestellten der US-Regierung suchen, vielleicht den Pförtner des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives oder so, den man auf alle seine Papers mit raufsetzt, um sie dem Zugriff der Content-Mafia zu entziehen.

Und noch etwas ist mir eingefallen: Es kann doch nicht sein, dass ich das einzige IEEE-Mitglied (ok, Mitglied bin ich da eh nur, weil sich das wegen Ermäßigung schon bei nur einer Konferenz lohnt …) bin, das das kritisch sieht. Wenn jemand etwas über IEEE-internen Widerstand weiß, wäre ich für Hinweise dankbar.

Arbeitszuteilungsverfahren

ConsiderGegeben sei folgendes Problem:

Es existiere eine Organisation, in der Kaffee in Codezeilen (und Papers) umgewandelt wird. Der Kaffee wird von einer Kaffeemaschine produziert, die einen gewissen Wartungsaufwand hat (regelmäßiges Entkalken und Reinigen). Der Kaffeeverbrauch ist unterschiedlich (mag mit einem unterschiedlichen Ausstoß an Codezeilen (und Papers) zusammenhängen, aber ein linearer Zusammenhang lässt sich empirisch bisher nicht bestätigen).

Gesucht ist nun ein Verfahren, mit dem der Arbeitsaufwand (also vorzunehmende Wartungsarbeiten) möglichst gerecht auf die Kaffeetrinker verteilt werden kann. Informationen über den Kaffeeverbrauch liegen immer nur rückwirkend für die abgelaufene Periode vor. Es ist zu erwarten, dass innerhalb einer Abrechnungsperiode die Arbeit nicht gerecht verteilt werden kann, alleine schon, weil gar nicht alle drankommen. Es soll also periodenübergreifende Gerechtigkeit hergestellt werden.

Irgendwelche Ideen? Als erster Ansatzpunkt würde ich mit den Tassenzahlen der letzten Periode anfangen und anhand dessen eine Reihenfolge für die aktuelle Periode festlegen. Bloß wie macht man das? Kann man dafür Sitzzuteilungsverfahren missbrauchen? Also anhand der Bruchteile die Sitze für ein Parlament mit 1,2,3, vielen Sitzen ausrechnen, und der jeweils zusätzliche Sitz ist dann der n-te in der Reihe? Sollte doch eigentlich passen – das Verfahren darf bloß keine Anomalie aufweisen, dass sich bei einer Vergrößerung um einen Sitz plötzlich Verwerfungen in der Zuteilung ergeben, die mehr als den einen zusätzlichen Sitz betreffen. Welches Verfahren würden die geneigten Leser da empfehlen?

Als nächstes Problem kommt die Übertragung nicht ausgeschöpfter Bruchteile auf die nächste Periode – und da habe ich noch keinen blassen Schimmer. Wobei, im Zweifel vergrößert man das “Parlament” immer weiter, nimmt die Gesamttassenzahl und berücksichtigt die bereits erledigte Arbeit? Müsste doch passen, oder?

Zentralität

Mir ist gerade aufgefallen, daß Zentralität sowohl ein Fachbegriff in der Informatik (dort speziell in der Graphentheorie) als auch in der Soziologie (dort speziell in der empirischen Sozialforschung) ist.

Ob sich da wohl Verbindungen finden lassen?