Die Zeit sieht Hitler als die härteste aller Drogen, die Aufmerksamkeit produzieren, als politisches Spielmaterial und beliebig einsetzbares Schreckensbild.
Die Nazizeit sei bloße Chiffre des Bösen und , von der Popkultur vereinnahmt, international marktgängiges Kulturgut.
Der Autor führt dies darauf zurück, daß versäumt wurde, diese Schuld [der normalen Bürger] zu benennen und zu ahnden und sie dadurch auf alle ausgedehnt wurde.
Zielgenau arbeitet er die Probleme für das gesellschaftliche Bewußtsein und den öffentlichen Diskurs heraus:
In ihrem Versuch, den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus zu verstehen, ist die Zivilisation, die sich brechen ließ, selbst unter Verdacht geraten. Es gibt nahezu keinen Lebensbereich, den die Faschismustheorien nicht als Keimzelle des Unheils gedeutet haben: den Kapitalismus ebenso wie den Antikapitalismus, die bürgerlichen Lebensformen ebenso wie den antibourgeoisen Affekt. Deswegen konnte ein Kapitalist in den siebziger Jahren schon als Faschist gelten, und heute umgekehrt ein Antikapitalist schon als Antisemit. Noch jüngst wurde Kritikern Amerikas vorgeworfen, sie stünden in der Tradition der Nazis; denn auch Antiamerikanismus sei Antisemitismus.
Der rhetorische Missbrauch des Nationalsozialismus hat einen verhängnisvollen Nebeneffekt: Es ist die Verharmlosung. Wer schon den Antikapitalismus für antisemitisch hält, erzeugt den Eindruck, es ginge letztlich nicht um Verbrechen, sondern um unsympathische Meinungen. Bei dem Versuch, eine mögliche Wiederkehr von Nazigedanken schon im Keim aufzuspüren, hat sich ein hoch empfindliches Alarmsystem ausgebildet, das auf die wirklich groben Rückfälle nicht mehr anspricht. Es ist wie mit einem Messgerät für kleinste Spannungen: Starkstrom kann es nicht anzeigen. Die Konsequenz ist fatal: Während tätliche Angriffe auf Ausländer lange Zeit nur höchst schleppend verfolgt wurden, steht jede öffentliche Rede über Ausländer unter misstrauischer Beobachtung.
Das ist die Quittung für eine übertreibende Geschichtsdidaktik. Wo überall Parallelen zur Nazizeit gezogen werden, sind aber am Ende gar keine mehr sichtbar. Wir brauchen nicht mehr, sondern weniger öffentliche Rede über Hitler.